Fotos, die Geschichten erzählen

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Neulich kam wieder einmal die Einladung zu einer Vernissage in der Galerie argus fotokunst. Ich weiß nicht, wie viele Einladungen wir in den vergangenen 26 Jahren von Norbert Bunge erhalten haben. Es werden an die 100 gewesen sein, nur dass es diesmal eine ganz besondere Einladung war, denn es wird wohl die letzte gewesen sein. Norbert Bunge hat sich entschlossen, die Galerie in der Marienstraße 26 in Berlin-Mitte zu schließen. 

Der Kameramann, Dokumentarfilmer und Fotograf erzählt, dass die Idee zur Eröffnung der Galerie entstanden ist, als er im Rahmen der Sanierung seiner Wohnung zwischenzeitlich in der Marienstraße lebte. Dort sind ihm damals die vielen leeren Ladenlokale aufgefallen. In seinem Kopf entstand die Vision einer Galerie für analoge Schwarz-Weiß-Fotografie, denn die ist die Leidenschaft von Norbert Bunge. In dem Berlin vor sechsundzwanzig Jahren war es noch möglich, Räume in Mitte zu erschwinglichen Preisen zu mieten und so wurde aus der Vision mehr als ein Vierteljahrhundert Galerie argus fotokunst. 

Norbert Bunge hat sich dabei auf die Fotografie des 20. Jahrhunderts konzentriert und einen besonderen Schwerpunkt auf ostdeutsche Fotokunst gelegt. Die Galerie war zudem eine Plattform für internationale Fotografinnen und Fotografen. Norbert Bunge reiste auch schon mal an weit entfernte Orte, um die Künstlerinnen und Künstler persönlich kennenzulernen und die Arbeiten für eine Ausstellung gemeinsam mit ihnen auszuwählen. Für ihn sind neben den künstlerischen Aspekten stets auch die Geschichten wichtig, die durch die Bilder erzählt werden. Sie erzählen vom Zeitgeist, vom Lebensgefühl, vom Zustand der Gesellschaft, von Widersprüchen, Umbrüchen und Lebensträumen. In der aktuellen Ausstellung zeigt Norbert Bunge frühe Arbeiten des US-amerikanischen Fotokünstlers Will McBride. McBride war auch der erste Künstler, der in der Galerie argus fotokunst ausgestellt hat. Damals musste Norbert Bunge viel Überzeugungsarbeit leisten. Schließlich kam McBride nach Berlin, stellte aus und die Schau wurde ein großer Erfolg. Fünf weitere sollten folgen. Die Ausstellung „Will McBride – Die frühen Jahre“ ist auch eine Hommage an den großen Fotokünstler, der im Jahr 2015 verstorben ist. Zu sehen sind Fotos aus den späten 50er und den 60er Jahren. Beim Betrachten der Arbeiten kommt mir unwillkürlich der Gedanke, der Fotograf befände sich nicht außerhalb, sondern mitten in den Bildern, so stark spricht das Lebensgefühl der jungen Bundesrepublik und insgesamt der Nachkriegsjahre aus den Fotos. Wunderbar eingefangen ist die Atmosphäre des Lebens auf den Straßen von Florenz. In dem eindrucksvollen Buch „I, Will McBride“ erzählt der Künstler, wie er den Weg zu den Fotos gefunden hat. Er lief mit seiner Kamera tagelang durch die heißen Straßen von Florenz, bis er schließlich die eine Straße gefunden hat, in der das Leben der Menschen stattfand, so wie es ihn faszinierte. 

Eine Zeitreise in die prüden frühen sechziger Jahre ist ein Portrait der schwangeren Barbara, der damaligen Frau von McBride. Es war 1960 auf dem Titelblatt der twen zu sehen, einer Zeitschrift für junge Erwachsene (1959 – 1971). Das Foto einer Schwangeren im Profil, mit deutlich sichtbarem Bauch unter einem engen Pulli  – damals ein Skandal. 

Gezeigt werden zudem Portraits von Romy Schneider aus dem Jahr 1964, die im Rahmen einer Reportage für twen entstanden sind, lange im Archiv von McBride lagen und durch Drängen von Norbert Bunge zum Glück wieder sichtbar wurden. Spannend ist auch ein Foto über den Alltag von männlichen Jugendlichen im exklusiven Internat Schloss Salem. Zu jedem dieser Fotos hat Norbert Bunge einiges zu erzählen. Das macht Lust auf mehr Fotos und neugierig auf die Zeit, in der die Fotos entstanden sind.

Am 6. Februar, zur Vernissage der Ausstellung, hat Norbert Bunge über Will McBride und sechsundzwanzig Jahre Galerie argus fotokunst gesprochen. Um ihn herum standen die Gäste der Ausstellungseröffnung, die vielen Freunde von Norbert Bunge und die treuen Fans der Galerie. Man hat die Leidenschaft gespürt, mit der Norbert Bunge die Galerie betreibt, aber auch wie schwierig zwei Jahre Pandemie für die Kulturschaffenden in Berlin waren und immer noch sind. Und viel Wehmut habe ich wahrgenommen, die mit dem Abschiednehmen von einem Lebenswerk und einem Kulturort in Berlin einhergeht. 

Die Ausstellung „Will McBride – Die frühen Jahre“ ist noch bis zum 19. März 2022 zu sehen.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Samstag von 14 – 18 Uhr. 

Fotobücher von Norbert Bunge – Fotografien, 2017 / Portraits, 2018 – sind in der Galerie erhältlich.

Beitragsfoto: Will McBride

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